Madagaskar - Auf meinem Weg zum Projekt

Aktualisiert: 10. Feb. 2021

Ich möchte euch erzählen, wie das Projekt in mir gewachsen ist. Ich heiße Tojo, bin 28 Jahre alt und komme aus Madagaskar. Als ich 24 Jahre alt war, lebte ich noch mit meiner Familie in Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars.

Mein Abitur habe ich mit 17 Jahren mit Auszeichnung erhalten. Aufgrund meiner sehr guten Noten bekam ich danach vier Zusagen bei vier Universitäten. Ich habe mich für die am Meisten angesehene private Hochschule im Bereich Betriebswirtschaftslehre entschieden und machte dort meinen Bachelor innerhalb von 3 Jahren, ebenfalls mit Auszeichnung.


Nach meinem Studium wurde ich aber mit dem sehr unfairen Arbeitsmarkt in Madagaskar konfrontiert. Meinen Kommilitonen erging es nicht besser. Mir wurde bewusst, wie hart das Berufsleben in Madagaskar war. Dabei ging es nicht um die harte Arbeit, eher darum, dass es nicht genug gab.


Nach einem Jahr verzweifelte Arbeitssuche bekam ich endlich eine Stelle, weit unter meinen Qualifikationen. Meine Vergütung war im Verhältnis zu meiner Leistung gar nicht angemessen. Wie sollte ich mit so wenig Gehalt die Miete und die Lebenshaltungskosten zahlen. Durfte ich mir überhaupt vorstellen, irgendwann Kinder zu bekommen, oder sollte ich es lieber lassen, damit sie nicht in solchen Umständen aufwachsen müssen? Ich fühlte mich ausgenutzt, da ich genau wusste, wie viel Umsatz die Firma Jahr für Jahr machte. Ich arbeitete in dieser Zeit bei einer französischen Firma, die Outsourcing für Firmen in Europa betrieben, um Kosten zu sparen. Parallel habe ich mich dann immer weiter beworben und nach einem Jahr bekam ich eine andere Stelle mit einer etwas besseren Vergütung. Mein Problem war aber noch nicht gelöst. Ich verdiente noch zu wenig, um meinen Lebensunterhalt zu sichern. Ich habe mich eines Tages entschieden, proaktiv zu werden und nicht auf mein Schicksal zu warten, und ich habe mir gesagt:

" wenn mein Land mir nichts anzubieten hat, dann hau ich ab und fertig!".


Der Durchbruch


An diesem Tag habe ich mich entschieden Madagaskar den Rücken zuzukehren. Was nützt es schon, in einem der schönsten Ländern der Welt zu leben, wenn die Politik und die Firmen von Korruption und Ausbeutung beherrscht werden? Mit meinem madagassischen Pass komme ich aber auch gar nicht weit. Wir hatten zu Hause keinen Internetzugang, also verbrachte ich die Tage im Intenernetkaffee, um mich zu informieren. Einmal traf ich einen Bekannten von mir, der mir über das Aupair Programm in Deutschland erzählt hat. Ich recherchiere darüber und überzeugte mich. Daraufhin folgten einige Sprachkurse und alle Behördengänge und anderthalb Jahre später kam ich endlich in Deutschland an.


Willkommen in Deutschland


Das Leben in Deutschland war am Anfang sehr schwer. Ich habe bei einer sehr netten deutschen Familie als Aupair Mädchen in Calw gewohnt. Es war nicht einfach, bei fremden Personen zu wohnen, in einer kompletten anderen Kultur. Ich habe mich immer sehr angestrengt, Deutsch zu lernen. Ich wollte nicht nur Deutsch sprechen, ich wollte es richtig machen. Ich wollte unbedingt mir meinen Platz in Deutschland verdienen und ich wollte auch eine deutsche Ausbildung. Leider wusste ich zu dieser Zeit noch nicht, wie das System funktioniert und habe die Bewerbungsfrist für eine Ausbildung verpasst. Um die Zwischenzeit zum nächst möglichen Zeitpunkt zum Beginn einer Ausbildung optimal zu nutzen, machte ich ein freiwilliges soziales Jahr bei der KBF in Tübingen.


Ich habe mich in Deutschland immer wieder gefunden. Hier wusste ich, dass wenn ich mich anstrenge, sich Türen für mich öffnen werden. Die Regeln hier sind klar. Es gibt nicht diese offensichtliche Korruption wie in Madagaskar. Es ging immer vorwärts mit mir. Ich bekam eine tolle Ausbildung bei der Evangelischen Heimstiftung in Stuttgart. Ich hatte quazi mein Ziel erreicht. Ich hatte mein aller erstes eigene Zimmer selbständig bekommen, mein Ausbildungsgehalt war für mich ausreichend. Die Vorstellung von dem Gehalt nach der Ausbildung war für mich ein Traum. Niemals hätte ich sowas in Madagaskar bekommen können.


Der große Höhepunkt war gekommen als ich die Liebe meines Leben kennen gelernt habe. Mein Freund - der jetzt mein Ehemann geworden ist - war perfekt. Er war ein typischer Deutscher, blaue Augen, blonde Haare, attraktiv, fleißig und vor allem pünktlich ;). Niemals in meinem Leben hätte ich gedacht, mit einem Deutschen zusammen zu kommen. Aber jetzt sind wir da und es fühlt sich perfekt an. Er hatte seine Ausbildung längst abgeschlossen, machte zu diesem Zeitpunkt seinen Meister, hat einen sehr stabilen, guten Job beim Landratsamt in Calw und liebt mich über alles. Ich verliebte mich in ihn. Das Märchen ging weiter. Tom bat um meine Hand und ich schwebte wie auf Wolke 7. Es gab nichts, was mich in dieser Zeit noch glücklicher hätte machen können.


Auf nach Madagaskar


Wir entschieden uns zusammen nach Madagaskar zu fliegen. Einerseits wollten wir unsere Verlobungsfeier dort feiern und andererseits konnte Tom meine Familie kennen lernen. Ich habe mich so sehr gefreut meine Familie wieder zu treffen und wurde durch sie wieder an die madagassische Warmherzigkeit errinert. Meine ganze Familie, bestehend aus 25 Leuten, haben extra einen Bus gemietet, um uns am Flughafen abzuholen. Tom war sprachlos. Er sagte, bei uns holte dich einer, höchstens 2 Leute am Flughafen ab. Er fand die Geste herrlich. Er meinte, es wäre einfach Kontakt zu knüpfen, selbst wenn er die Sprache überhaupt nicht beherrschte, weil die Leute so offen und warm sind.


Meine erste Reaktion nach einem Tag in der Hauptstadt war "oh! Es ist hier so dermaßen schmutzig!". Überall war Müll und alte Autos, die Benzin und Dieselgeruch in die Luft pusteten. Ich erstickte, konnte kaum atmen. Ich fragte mich "wie ist es möglich jeden Tag diese Luft zu atmen? Wie habe ich es 24 Jahre geschafft?". Ich machte mich Sorgen um meine Familie. Ich dachte, wenn ich mein Leben lang diese Luft atmen müsste, bekäme ich irgendwann Lungenkrebs. Ich habe ja schon über alle Gefahren des Feinstaubs in Stuttgart gehört und im Vergleich zu Antananarivo ist die Luft in Stuttgart nichts. Die ersten Tage wurden Tom und ich auch schwer krank mit Grippe und Fieber. Mein Körper war diese Belastung nicht mehr gewohnt. Aber mit starken Medikamenten kamen wir wieder auf die Beine und konnten eine wunderschöne Verlobungsfeier im Paradis genießen.


Danach fuhren mit der Familie an die Küste im Norden Madagaskars in den Urlaub. Das war Anfang alles sehr schön aber plötzlich litt Tom an schrecklichen Bauchschmerzen und musste ins Krankenhaus. Wahrscheinlich hatte er das Essen von der Straße nicht vertragen. Wir kannten den Ort nicht und ein Mann in dem Dorf hat uns das nächste Krankenhaus in der Nähe empfohlen. Es war ein öffentliches Krankenhaus und die Hölle auf Erden. Es gab kein kein richtiges Bett, die medizinische Grundversorgung war einfach nicht vorhanden. Man konnte sowas niemals ein Krankenhaus nennen! Eher wurde man an diesem Ort krank, als dass man gesund wurde.


Für mich war es ein Schock. Das war mein Land und das ist mein Volk! Mein Volk muss so etwas jeden Tag erleben. Hier habe ich alles gelernt, das Land hat mich geprägt und mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin. Sollte ich die Menschen einfach sagen: "Nein ich gehe jetzt nach Deutschland, ich habe mein eigenes Leben. Kommt da alleine raus, flieht selbst!"? Ich war eine der vielversprechenden jungen Leute in dem Land. Ich hatte Privilegien, die nicht mal 1/100 der madagassischen Kinder hatte. Wenn ich nichts unternehme, um die Situation in meinem Land zu ändern, wer soll es dann machen?


Mir war bewusst, dass ich nicht von jetzt auf morgen die Welt auf Madagaskar ändern kann. Ich hatte Angst, aber dieser Durst ist in mir entstanden. Ich wollte mein Land helfen, selbst wenn ich dafür meine Vorteile in Deutschland weglassen müsste und in Madagaskar wieder hart kämpfen müsste. Das war meine Entscheidung, die ich Gott anvertraut habe. Ich habe auch darüber mit Tom gesprochen und das war wie ein magischer Moment, denn er hatte auch genau die gleichen Gedanken. Er wollte auch schon immer ein Projekt in Entwicklungsländern machen. Mit diesem Gedanken hatte er damals seine Ausbildung als Wasserbaumeister angefangen. Er wollte Entwicklungsländer mit Wasser versorgen und die Umwelt schützen und restaurieren.


Wir haben Gott nach seinem Rat gefragt und er sähte die Idee in unser Herz mit einem Ökohotel auf Madagaskar anzufangen, um das Problem der Arbeitslosigkeit, der Ausbeutung der Menschen, die Armut und die daraus resultierende Zerstörung der Natur zu bekämpfen.


"Es ist nur ein kleiner Tropfen im großen, weitem Meer!

Aber woraus besteht das Meer, wenn nicht aus vielen, kleinen Tropfen?"


Madagaskar- Auf meinem Weg zum Projekt


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